Salut!

Ich würde dir gerne eine Geschichte erzählen. Es geht um einen guten Zweck. Ach, und um Hunde!

Damit du meine Geschichte in vollen Zügen geniessen kannst, empfehle ich eine Bildschirmgrösse von minimum 1300 Pixel und deine Kopfhörer bereitzuhalten.

Los geht’s!

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Abenteuer Dog Rose

Kapitel 1

Das bin ich.

27 Jahre jung, ein Schisshase und kurz vor meinem nächsten Abenteuer. Ich reise nach Bukarest in Rumänien, um in einem Dog Shelter (= Hundeheim) im mit dem schönen Namen «The Dog Rose» für insgesamt acht Tage gemeinnützig mit Hunden zu arbeiten. Mit Hunden wie Bruno (Bild).

Denn auf den Strassen Rumäniens finden sich – wie in vielen anderen süd- und osteuropäischen Ländern – Tausende streunende Hunde. Die meisten Hunde sind krank und unterernährt. Viele von ihnen, aber auch Hunde von Privatpersonen sind nicht kastriert und pflanzen sich unkontrolliert fort. Welpen werden ausgesetzt. Um den Teufelskreis zu unterbrechen, setzt sich City4StreetDogs, der Gründerverein von The Dog Rose, seit rund zehn Jahren für die streunenden Tiere ein.

Wieso ich das mache?

Weil ich Hunde liebe.

Ganz besonders fest liebe ich unseren Familienhund.

Dusty.

Hier könnte ich dir zeilenlang erzählen, wie grossartig er ist. Aber, heute geht es um die Hunde, welche kein Zuhause habe.

So stehe ich am Sonntag, 8. August 2021, um 09.00 Uhr mit meinem rosa Rucksack und einem kleinen Rollkoffer am Gleis 05 am Bahnhof SBB. Hier verabschiede ich mich mit tränenden Augen von meinem Freund und frage mich, wieso es meine neugierige Seite einmal mehr schaffte, meine Ängstliche zu übertrumpfen.

Kapitel 2

Nach über 35 Stunde Gesamtresisezeit stehe ich nun hier, in der fast menschenleeren Bahnhofshalle des Gara Nord in Bukarest. Mit sieben Stunden Verspätung habe ich meine Zugfahrt bis auf wenige Zwischenfälle gut überstanden.

Alice, die Tierärztin von Dog Rose, empfängt mich um kurz nach 23 Uhr herzlich und führt mich zu meiner Unterkunft. In ihrem Auto steigt mir der penetrante Geruch von nassem Hund, Urin und Futter in die Nase. Sie erzählt mir, wie sie heute einen Hund aus einer öffentlichen Einrichtung rettete.

Es ist Billy - er leidet an einer Niereninsuffizienz und kann aufgrund seines gebrochenen Kiefers nicht selbstständig essen. Hätte Alice ihn nicht gerettet, wäre er wohl verhungert. Eine traurige Geschichte, welche hier in Rumänien leider keine Ausnahme ist.

Kapitel 3

Mittlerweile zeigen die Zahlen auf meinem Smartphone schon 01:30 Uhr an. Frisch geduscht und mit einem Teller Penne sitze
ich in meinem Airbnb an der Calea Victorei.

Ich versuche meine Gedanken und Empfindungen zu ordnen. Glücklich, unglaublich müde und etwas nervös gehe ich schlafen.

Rumänien hat für mich eine besondere Bedeutung. Seit fast 10 Jahren bin ich praktisch jeden Sommer dort. Bis anhin arbeitete ich aber mit Kindern. Mit den Heimkindern von Verseni.

Mit dem Verein «Verseni.ch» reiste ich jeden Sommer nach Verseni. Es handelt sich dabei um ein kleines Bauerndorf im Nordosten von Rumänien. Dort erlebten wir mit den Heimkindern jeweils eine im Voraus geplante Themenwoche mit Spielen, sportlichen Aktivitäten, Bastelideen, Singrunden und vielem mehr.

Über das Jahr hindurch sammelten wir mit verschiedenen Anlässen Spendengelder. Doch leider hat das Projekt nach über 20-jährigem Bestehen aus verschiedenen Gründen keine Zukunft mehr. Nach dieser langen Zeit fühle ich mich mit Rumänien verbunden. Also habe ich mich auf die Suche nach einem neuen rumänischen Herzensprojekt gemacht und bin auf Dog Rose gestossen.

Kapitel 4

Insgesamt dauert es eine Stunde, um täglich in den Shelter zu kommen. Der Fussweg beträgt 30 Minuten und genauso viele Minuten dauert auch die Zugfahrt. Der Zug fährt jeden Tag um 8.41. Das Gleis erfahre ich jeweils kurz zuvor an der riesigen Anzeigetafel, die übrigens auch als Livestream im Internet zu sehen ist.

Von dort fahre ich durch verschiedene Dörfer, bis nach Crivina. Der alte Zug stammt noch aus Zeiten Ceausescu. Nicolae Ceausescu war bis zu seiner Hinrichtung im Jahr 1989 Diktator der Sozialistischen Republik von Rumänien.

Also verlasse ich mich auf den netten Rumänen Viorel, den Onkel von Alice. Er arbeitet seit seiner Pensionierung als Anwalt für Dog Rose und unterstützt Alice und ihren Vater mit den Arbeiten. Er begleitet mich grösstenteils auf den Zugfahrten. Viorel ist ein liebenswürdiger älterer Mann und steckt voller Überraschungen.

So sind die Lokomotiven mittlerweile über 30 Jahre alt. Und das sieht man ihnen an. Sie sind genauso rostig wie die zugehörigen Leitungen. Sie sind laut und sehen zerbrechlich aus. Der Stoff der Sitze ist ausgebleicht und schmutzig. Die Türen schliessen nach der Abfahrt nicht immer vollständig. Man sucht vergebens nach Bildschirmen mit dem nächsten Halt oder Lautsprechern für eine Durchsage.

Kapitel 5

Wenn ich von Tierheimen in östlichen Ländern höre, dann spielen sich schreckliche Bilder vor meinem inneren Auge ab. Zu kleine Käfige, zu wenig Futter, Angst und Schrecken. Leider sind solche Vorstellungen noch immer Realität. Glücklicherweise treffen diese schlimmen Szenarien bei Dog Rose nicht zu.

Der Shelter liegt knapp 30 km von Bukarest entfernt. Er bietet ein Zuhause für über 170 Hunde, 40 Katzen, 12 Hühner, 15 Tauben, drei Gänse* und zwei Schafe namens Oliver und Olivia. Ein kleiner Tierpark auf zwei Hektaren und ein Paradies für die Tiere.

*Diese Zahlen variieren ständig.  

Das Ankommen im Shelter steht ganz im Zeichen des Kennenlernens. Also verbringe ich meinen ersten Tag bei den Welpen und den kleinen Hunden. Es ist ein Traum.

Auch wenn mir die Zeit mit den Hunden unglaublich gefällt, freue ich mich umso mehr, wenn ich das Team bei der täglichen Arbeit unterstützen kann. Neben dem Reinigen der Gehege, dem Füttern und Pflegen der Tiere, stehen auch handwerkliche Arbeiten an, um den Shelter in Schuss zu halten.

Besonders jetzt. Denn in ein paar Tagen erwartet Dog Rose wichtigen Besuch. So werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit der Shelter glänzt. Auch wenn das für mich bedeutet, die nächsten Tage stundenlang und mühsam einen gigantischen Holzzaun, mit viel zu kleinem Pinsel, weiss streichen zu müssen.

Kapitel 6

Aufregung liegt in der Luft. Heute erwartet die Arbeiter:innen hohen Besuch aus unterschiedlichen Ländern. Es ist eine Reisegruppe, welche während des Sommers östliche Länder bereist. Die Hoffnung von Dog Rose: grosszügige Spenden. Denn die Organisation lebt ausschliesslich von diesen.

Das Gründerpaar, Noëlle und Tobias Fueter kämpfen seit Jahren um Spendengelder. Bestimmt keine einfache Aufgabe, wenn monatlich Ausgaben von rund CHF 10’000 anstehen. Für sie und alle, welche sich in Rumänien und aus der Schweiz für Dog Rose einsetzen, ist dieser Besuch unglaublich wichtig. Wie viele Spenden zusammenkommen werden, kann ich leider nicht einschätzen. Ich hoffe aber, dass sich der Aufwand lohnt. Denn für mich fühlt es sich nach viel «Tandam» an.

Auf den Tischen steht zu viel Suc (=Süssgetränke), zu viel Prajitura (=Gebäck) und zu viel Cafenea (=Kaffee). Hunger und Durst der Besucher hält sich jedoch in Grenzen. Ausser beim rumänischen Chauffeur der Gruppe. Er bedient sich reichlich an Speis und Trank, stets mit dem Satz: «Ich nehme gerne noch mehr, ich bin schliesslich Rumäne.» Herrlich.

Aber so sind Rumän:innen nun mal. Sie sind unglaublich gastfreundlich und gleichzeitig ein mürrisches Volk. Sie genieren sich für ihr Englisch und ihre schlechten Zähne und halten sich zurück. Aber wenn du sie um Hilfe bittest, geben sie alles.

Sie arbeiten sieben Tage die Woche, ohne zu jammern. Sie sind unkompliziert und gleichzeitig sehr kompliziert. Sie schaffen so viel Nachhaltigkeit mit diesen Hunden, verbrennen aber im Garten in einer alten Metall-Tonne ihre Abfälle. Rumänien ist absurd. Aber genau aus diesem Grund mag ich es so sehr hier.

Kapitel 7

Doch wieso gibt es eigentlich so viele Strassenhunde in Rumänien? Als Ceausescu von 1965 bis 1989 regierte, startete er 1974 eine Art Systematisierungsprogramm. In den ländlichen Regionen wollte er bis zu 7000 kleinere Dörfer verschwinden lassen, damit sich die Bevölkerung auf jeweils zwei bis drei zentrale Dörfer beschränkt. Ziel war die Vermehrung der landwirtschaftlichen Nutzfläche, um so die Wirtschaft anzutreiben.

Also liess er zahlreiche Wohnblöcke in den Städten Rumäniens bauen. Viele Menschen mussten ihre Häuser mit Garten verlassen und mit ihrer Familie in eine viel zu kleine Stadtwohnung ziehen. Die Wohnungen besassen zwei Zimmer und eine kleine Küche. In den Hinterhöfen gab es Gemeinschaftsbäder. Aufgrund der Vvier-Kinder- Politik von Ceausescu lebten also sechs-köpfige Familien auf viel zu kleinem Raum.

Auch für ihre Tiere gab es schlicht keinen Platz mehr. Also wurden diese ausgesetzt und vermehrten sich so unkontrolliert. Auch nach über 30 Jahren gibt es noch viel zu viele streunende Hunde und Katzen in Rumänien.

Kapitel 8

Damit sich die Situation in Rumänien bessern kann, braucht es Dog Rose und Menschen wie Alice und ihre Familie. Wöchentlich sterilisiert Alice mit ihrem Partner Bogdan unzählige Hunde und Katzen, damit sich diese nicht weitervermehren. Es sind Strassentiere, aber auch Haustiere. Damit so viele Tiere wie möglich sterilisiert werden, dürfen Menschen aus den umliegenden Dörfern ihre Katzen und Hunde kostenfrei vorbeibringen. Denn Geld haben die meisten keines oder wollen es nicht für ihre Tiere ausgeben.

Eine Kastration kostet in Rumänien knapp
CHF 25. Mit nur eine Kastration werden als Beispiel 67 000 Hundewelpen in sechs Jahren verhindert. Ganz schön effektiv in meinen Augen und auch die einzige Möglichkeit, den Teufelskreis in Rumänien zu unterbrechen.

Kapitel 9

Die Routine ist für die Hunde und Helfer sehr wichtig. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass alle Tiere täglich versorgt sind. Es wird geputzt, gefüttert und gepflegt. Morgens werden besonders die Jüngsten, die Kranken und die in Quarantäne versorgt. Das Putzen der Käfige ist mit einem ätzenden Duft in der Nase gewiss kein Zuckerschlecken. Doch gewöhnt man sich auch daran.

Im gleichen Zug wird das Futter aufgefüllt, neues Wasser eingefüllt und so geht das immer weiter. Gleichzeitig beginnen die beiden Tierpfleger Lili und Doru die Departments der Hunde sauber zu spülen. Jeden Tag wird zudem einer der sechs Aussenbereiche gereinigt.

Auch wenn es klare Abläufe gibt, verlauft eigentlich kein Tag wie der andere. Teilweise werden Welpen zum Shelter gebracht, verletzte Hunde wurden gesichtet und müssen eingefangen werden oder andere Hundeheime brauchen (medizinische) Unterstützung.

Kapitel 10

Nach ein paar Tagen fühlen sich die Gerüche weniger intensiv an, das ständige Gebelle von 300 Hunden wird zur allgemein gültigen Geräuschkulisse und man selbst wird um einiges routinierter. So fühlt es sich nach einigen Tagen endlich so an, als wäre ich eine Hilfe und keine Last mehr.

Eine weitere tägliche Aufgabe von mir ist es, mich mit den Hunden zu beschäftigen, sie zu fotografieren und zu filmen. So sozialisiere ich sie mit jedem Kontakt und schaffe eine visuelle Grundlage, um schnellstmöglich ein neues Zuhause für sie zu finden. Je mehr Bilder und Videos, desto besser. So können sich Interessierte ein gutes Bild von den Hunden und Katzen und ihrem Verhalten machen und die Chance auf eine Adoption steigt.

Bei jungen Hunden ist eine Adoption oft kein Problem. Sie sind süss und formbar. Ausgewachsene, besonders mittlere bis grosse Hunde finden schlechter ein neues Zuhause. Leider. Denn sind diese oft ruhiger, charmanter und können noch genau so lernen wie junge Hunde. Aber auch Hunde mit schwarzem oder dunklem Fell haben schlechtere Chancen, vermittelt zu werden.

Kapitel 11

Dog Rose bietet so vielen Hunden wie möglich ein Zuhause. Doch aufgrund von Platzmangel beschränkt sich die Aufnahme auf verletzte und kranke Hunde oder Welpen, welche bereits ein neues Zuhause in Sicht haben oder bestimmt schnell vermittelt werden. Gesunde, streunende Tiere werden oft nur zur Sterilisation eingefangen und gleich wieder frei gelassen. In der näheren Umgebung verpflegt Dog Rose die streunenden Tiere mit Futter und falls nötig mit Medikamenten.

Alice hat in ihrem Auto immer einen grossen Sack Futter und fährt stets mit offenen Augen durch die Dörfer. Mit dem Herz am richtigen Fleck ist sie immer bereit, Tieren in Not zu helfen.

Kapitel 12

Schon stehe ich wieder mit meinem rosa Rucksack in der Bahnhofshalle des Gara Nord und warte, bis mir die grosse Anzeigetafel das Gleis für den Zug nach Budapest verrät. Mit genügend Proviant für mindestens 48 Stunden begebe ich mich zum Schlafwagen, ganz vorne. Nostalgisch blicke ich auf die letzten acht Tage zurück und würde gern noch ein bisschen bleiben.

Du kannst helfen

Meine Worte haben dich so überzeugt, dass du am liebsten gleich auch nach Rumänien reisen möchtest? Dann freuen sich Anja und ihr Team, dich kennenzulernen und deinen Aufenthalt mit dir zu planen. Weitere Infos findest du unter:

Volunteer Programm

 

Du hast keine Kapazität oder Lust nach Rumänien zu reisen, möchtest aber trotzdem helfen? Dann kannst du mit einer kleinen Spende Grosses bewirken!

Jetzt Spenden

Durch das Aufarbeiten dieser Scrollstory konnte ich mein Erlebnis mit Worten und visuellen Elementen festhalten. Nun ist meine Geschichte auch für diejenigen zugänglich, welche mich bestärkten, allein in den Dog Shelter zu reisen.

Danke!

Für den unermüdlichen Support danke ich meinen Liebsten von Herzen. Natürlich gilt mein Dank auch der Organisation «City4StreetDogs». Dank ihnen ist The Dog Rose heute so, wie es ist und schenkt unzähligen Hunden ein neues Leben. Und danke an das Team in Rumänien, das so unermüdlich für das Wohl dieser Tiere arbeitet.

Das Abenteuer «Dog Rose» werde ich nicht vergessen und bestimmt wiederholen. Danke liebes Team, dass ihr mir dieses Erlebnis ermöglicht habt und dass ich in Rumänien so herzlich empfangen und unterstütz wurde.

Zuletzt möchte ich meinen tollen Mitstudierenden für ihre Hilfe, ihr offenes Ohr und den guten Zuspruch danken. Besonderer Dank geht hier an Sarah Keller. Nur mit ihrem hilfreichen und inspirierendem Feedback konnte ich dieses Ergebnis erzielen.